Workshop-Recap: Verantwortungsvoll berichten & posten

7. Mai 2026
Veranstaltung
Vertrauen
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Zwischen Tempo und Einordnung entsteht in Krisensituationen ein Spannungsfeld. Mit Dr. Christina Feist haben wir im Workshop zur Krisenberichterstattung dazu gearbeitet. Sie stellte dabei gleich zu Beginn klar: „Wir sind keine unterbezahlten PR-Leute also Pressemeldungen von Polizei, Politik einordnen, hinterfragen, prüfen“.

Christina ist Journalistin, Überlebende des rechtsterroristischen Attentats in Halle und eine, die Medienberichterstattung nicht nur analysiert, sondern am eigenen Körper erlebt hat. Ihr Workshop war keine Wohlfühlfolie mit fünf netten Dos and Don’ts, sondern ein sehr reflektierter und stellenweise ziemlich unangenehmer Reality Check. Im Fokus standen die Fragen, wie wir über Terror, Gewalt und Krisen berichten, welche Bilder wir produzieren, welche Narrative wir reproduzieren und wem wir dabei überhaupt zuhören.

Auf ein Attentat, eine Krise und Gewalt folgen Ermittlungen und Jahrestage. Dazu können Traumata, Bürokratie, Erschöpfung, finanzielle Belastung, langfristige psychische Folgen, politische Kämpfe, Erinnerungen und oft auch mediales Schweigen kommen. Krisenberichterstattung endet jedoch nicht nach 48 Stunden News Cycle. Sie hat mindestens drei Phasen: akut, mittelfristig, langfristig. Die größte Aufmerksamkeit gilt meist der ersten Phase, dem Moment, in dem Fakten gesichert werden. Doch auch danach bleibt vieles erzählenswert: die Folgen, die Menschen, die zurückbleiben, das, was unbearbeitet bleibt, und die Strukturen im Hintergrund, die ein Ereignis mitgeprägt haben. Gerade diese Perspektiven schaffen den Kontext, der über das Ereignis selbst hinausweist.

Phase 1: akut

In der akuten Phase einer Krise ist die Informationslage oft noch unübersichtlich und schnell im Wandel. Berichtet wird unter hohem Zeitdruck, häufig parallel zu Social Media, Bildern und ersten Eindrücken vor Ort. Dabei geht es auch darum, sich zu orientieren, Informationen einzuordnen und mit der Dynamik eines laufenden Geschehens umzugehen.

Phase 2: mittelfristig

Ab etwa drei Monaten nach einem Ereignis bis zum ersten Jahrestag verschiebt sich der Fokus. Berichtet wird dann meist über einzelne Entwicklungen wie Gerichtsprozesse, Aussagen oder den nahenden Jahrestag. Gleichzeitig treten viele langfristige Themen wie finanzielle Folgen oder psychische Belastungen oft weniger in den Vordergrund.

Phase 3: langfristig

In der langfristigen Phase wird meist nur noch punktuell berichtet, häufig rund um Jahrestage oder besondere Entwicklungen. Themen, die keine unmittelbare Aktualität haben, wie langfristige Folgen oder anhaltende Herausforderungen, werden seltener aufgegriffen. Gleichzeitig entstehen genau hier wichtige Ansatzpunkte für vertiefende oder weiterführende Berichterstattung.

Die spannendste Diskussion des Tages war für uns: Wer darf eigentlich worüber berichten? Oder anders: Warum gilt Nähe in Redaktionen oft als Problem? Teilnehmende erzählten von der Erfahrung, dass ihnen Themen trotz Expertise entzogen wurden, mit der Begründung: „Du bist zu nah dran.“ Gemeint war: zu migrantisch, zu betroffen, zu jüdisch, zu muslimisch, zu queer, zu sehr Teil der Geschichte. In der Diskussion wurde deutlich, dass hier zwei Ansprüche aufeinandertreffen: Einerseits der klassische journalistische Gedanke, möglichst distanziert und ‚neutral‘ zu berichten. Andererseits die Realität, dass viele Themen nur dann wirklich gut eingeordnet werden können, wenn die kulturellen, sprachlichen oder gesellschaftlichen Zusammenhänge verstanden werden. Ein Beispiel aus dem Workshop machte das greifbar: Begriffe, religiöse Praktiken oder historische Bezüge, etwa rund um Jom Kippur, erschließen sich nicht allein durch Beobachtung von außen, sondern durch Wissen über ihre Bedeutung im jeweiligen Kontext. Christina formulierte dazu, dass Cultural Literacy kein Zusatzwissen ist, sondern Teil journalistischer Arbeit. Entscheidend sei deshalb weniger die Frage nach Nähe oder Distanz an sich, sondern danach, welche Form von Kontextwissen für das jeweilige Thema notwendig ist, um es angemessen einordnen zu können.

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