Teilhabe statt Top-down bei re:think media 2025

Ein Gastkommentar von Emilija Ilić und Paula Spilauer
Wenn ich an die Zukunft der Medien denke, fühle ich mich deprimiert, verunsichert, eingeengt, nicht zuversichtlich …
Mit diesen ehrlichen, unbequemen Gefühlen der Teilnehmenden startete der partizipative Workshop Teilhabe statt Top-down: Medien neu denken bei re:think media 2025.
Die Anmeldung zum Mitmachen stand allen re:think media Besucher:innen offen. Neun Teilnehmende haben schließlich drei Stunden lang diskutiert, zugehört, widersprochen, neu gedacht – über Vertrauen, Vielfalt, Macht und Mut in Redaktionen. Die Teilnehmenden kamen aus unterschiedlichen Bereichen der Medienwelt zusammen, um sich einer großen, aber zentralen Frage zu widmen: Wie können wir eine faire Medienbranche der Zukunft gestalten? Wir – Emilija Ilić und Paula Spilauer – haben dafür den Rahmen gebaut, mit Methoden aus der partizipativen Praxis und mit der Haltung: Gute Medienarbeit entsteht nicht in Hierarchien, sondern im Dialog.
Ein Vormittag zwischen Baustelle und Utopie
Der Vormittag folgte einer einfachen, aber wirkungsvollen Metapher: Wir bauen ein Haus. Am Anfang stand die Baustellenbesichtigung, ein ehrlicher Blick darauf, wie sich das Arbeiten an und in Medien gerade anfühlt, wo es klemmt, und was fehlt. Danach der bewusste Sprung in die Utopie: Wie würde ein Palast aussehen, wenn wir die Branche neu denken dürften, ohne Budgetpläne, Hierarchien oder „Das war schon immer so“? Aus diesen Spannungsfeldern heraus sammelten wir Baumaterialien: Ideen, Bedürfnisse, Forderungen. Und am Ende ging es nicht um schöne Skizzen, sondern um die Frage, was davon wirklich tragfähig ist. Was lässt sich in den Alltag mitnehmen?
Die Baustellentools
Wir wollten keinen Workshop über partizipative Kultur machen, sondern einen Raum gestalten, in dem sie praktisch erfahrbar wird.
Methodisch haben wir dafür auf bewährte Werkzeuge aus der partizipativen Praxis zurückgegriffen.
Zu Beginn fand ein gemeinsamer Check-in statt, der allen Teilnehmenden die Möglichkeit bot, anzukommen und gehört zu werden. Schon hier wurde spürbar, wie viel Unsicherheit, aber auch wie viel Bedürfnis nach Austausch gerade da ist.
Danach öffnete die Übung “Ja, und…” den Raum für Utopien. Statt Ideen vorschnell mit einem „Ja, aber …“ zu begrenzen, ging es darum, Visionen bewusst Raum zu geben, sie wachsen zu lassen, zu erweitern, zu überlagern und größer zu denken. So kann etwa eine Zukunft visioniert werden, in der alle Journalist:innen unter fairen Bedingungen und ohne permanenten Zeitdruck qualitativ arbeiten können.
Anschließend begaben wir uns gemeinsam auf eine geführte Reise ins Jahr 2030. Diese sollte helfen, Abstand vom Hier und Jetzt zu gewinnen und den Blick zu weiten: Wie fühlt sich ideale Medienarbeit an, wenn die Ergebnisse dieses Workshops weitergewachsen sind? Was hat sich im Arbeitsalltag verändert und was im Umgang miteinander?
Nachdem wir diese Wunschvorstellungen gesammelt hatten, eröffneten wir mit dem World Café den gemeinsamen Dialog. In mehreren Runden diskutierten die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen Leitfragen, um unterschiedliche Perspektiven einzubringen, Wissen zu vernetzen und kreative Ideen zu entwickeln. Aus dem World Café kristallisierten sich schließlich drei zentrale Themenfelder heraus: „Inklusion und Partizipation“, „Arbeitskultur“ und „re:structure media“.
Diese bildeten die Grundlage für die anschließende Arbeit in drei Kleingruppen, in denen die Themen weiter konkretisiert und vertieft wurden.
Den Abschluss bildete die gemeinsame Ernte: Was nehmen wir aus dem Prozess mit? Welche Gedanken, Haltungen und Visionen sind uns so wichtig, dass wir sie weitertragen und nach außen sichtbar machen wollen?
Am Ende standen keine ausgearbeiteten Konzepte und kein Maßnahmenkatalog. Stattdessen kristallisierten sich drei große Themenfelder heraus, die die Teilnehmenden selbst auf Plakaten formulierten und am Abend auf die Bühne brachten. Nicht als fertige Lösungen, sondern als Ausdruck gemeinsamer Veränderungswünsche.
Inklusion und Partizipation
Die Gruppe war sich einig, dass Inklusion eine Grundvoraussetzung für demokratische Medien ist. Teilhabe muss aktiv gestaltet werden, etwa durch Safer Spaces für Communities, bezahlte Peer-Reviews und eine engere Zusammenarbeit mit Diaspora-Communities. Dafür braucht es faire Bezahlung, Zeit, Ressourcen und verpflichtende Weiterbildungen für Medienmacher*innen. Als nächste Schritte sieht die Gruppe den Aufbau von Allianzen und erste konkrete Maßnahmen für barriereärmere Medienarbeit, etwa durch konsequente Alt-Texte, verständlichere Sprache oder einfache Anpassungen im Layout.
Arbeitskultur neu
In der Gruppe diskutierten die Teilnehmenden, was Redaktionen brauchen, um gute Arbeit leisten zu können. Sie forderten sichere Jobs, faire Bezahlung und mehr Transparenz bei Gehältern, Budgets und Entscheidungen sowie einen offeneren Umgang mit Fehlern und flachere Hierarchien. Vertrauen, Wertschätzung und Zusammenarbeit im Team seien zentrale Voraussetzungen für Qualität, ebenso der Wunsch nach einem zeitgemäßeren Pressekodex. Um das zu erreichen, brauche es neue Finanzierungswege, Weiterbildung, technische Unterstützung und mehr Vielfalt. Als erste Schritte schlug die Gruppe Beiräte, regelmäßige Arbeitsgruppen und eine gemeinsame medienübergreifende Kampagne vor.
re:structure media
In dieser Gruppe drehte sich alles um die Frage: Wie kann Medienmacht neu verteilt werden? Diskutiert wurde ein DACH-Medium für neue und kleinere Anbieter ebenso wie eine Neuordnung der Finanzierung durch neue Kriterien bei der Haushaltsabgabe oder eine zweckgebundene Abgabe für Medien. Der Presserat soll gestärkt werden, mit verbindlichen Entscheidungen und klaren Sanktionen bei Verstößen. Voraussetzung dafür seien politisch unabhängige Fördermodelle, ein eigenes Kontroll- und Umverteilungsgremium sowie Änderungen im Mediengesetz. Als mögliche Verbündete nannte die Gruppe kleine Medien, den Presserat, Gewerkschaften und die Öffentlichkeit. Nächste Schritte sahen die Teilnehmenden in einer Petition mit dem Ziel einer Volksabstimmung sowie im Aufbau breiter gesellschaftlicher und politischer Unterstützung.
Ein paar Wochen nach dem Workshop haben wir mit einem Teilnehmer telefoniert. Simon erzählt, dass ihn vor allem das Thema Arbeitsbedingungen beschäftigt. Damals stand er noch am Anfang seiner journalistischen Laufbahn, inzwischen arbeitet er in einer Redaktion und erkennt vieles wieder, worüber im Workshop gesprochen wurde. Eine offene Gehaltstransparenzliste, spürbares Vertrauen in Mitarbeitende und weniger Kontrolle. „Da musste ich sofort an unsere Visionen vom Medienhaus der Zukunft denken“, sagt er. Und daran, wie viel wertvoller Arbeit wird, wenn Strukturen fair und transparent sind.